Montag, 30.03.2020 01:29 Uhr

Real Einzelhandelskonzern der METRO Eine Geschichte 3.Akt

Verantwortlicher Autor: Uwe Hildebrandt Düsseldorf, 26.12.2019, 23:31 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Wirtschaft und Finanzen +++ Bericht 9528x gelesen
Auch Einkaufen will gelernt sein
Auch Einkaufen will gelernt sein  Bild: khv24 / www.pixelio.de

Düsseldorf [ENA] Die Probleme mit real.- reichen schon viele Jahre zurück. Erst wollte man mit verlängerten Öffnungszeiten die Supermarktkette wieder auf Kurs bringen ganz nach dem Credo: Die Onlineshops haben ja auch rund um die Uhr geöffnet, also müsse man auch lange öffnen.

Doch obwohl real,- bis in die heutige Zeit die längsten Öffnungszeiten in der Firmengeschichte hat, nämlich von 8 – 22 Uhr für die Kunden geöffnet hat, hat der Konzern nichts als Kummer dem Mutterkonzern METRO gebracht. Lange Öffnungszeiten kosten eben auch Geld, denn neben den Unterhaltskosten der Märkte müssen ja auch Personal zur Verfügung stehen, das gerade in den Abendstunden höher bezahlt werden muß.

Also hat man eine andere Lösung gefunden. Hoher Personalstand, teuer dazu, das kann man sich nicht mehr leisten, hier wurde mit Sparmaßnahmen in Sachen Personalstand und Einbußen / Umstrukturierungen in Sachen Sozialleistungen und Gehalt versucht, die Bilanz zu verbessern, aber auch das half nicht. Hätte man Herrn Koch aber auch mal gleich sagen können, Gehaltskürzungen oder Einschnitte bei Sozialleistungen haben einen Konzern noch nie gerettet, da hätte er ruhig mal bei Praktiker, Max Bahr oder Karstadt / Arcandor nachfragen können, am Ende waren die Konzerne weg bzw. am Boden.

Aber bei der METRO hat man noch weitere Ideen: Ein großer Umbau, Flagstores, ganze andere Verkaufsflächengestaltungen, Probierecken usw. sollten die Märkte bekommen, neue Warensortimente sollten etabliert werden dafür Non Food Artikel aus den Märkten zumindest stark reduziert werden, doch all das kostete Geld und nachdem wenige Märkte umgestellt worden waren aber nicht die erhofften Umsätze einfuhren wurde auch das Projekt aus Eis gelegt. Hier der Auszug aus der Hauptversammlung 2018, wo real,- noch Hoffnungen zugerechnet wurden:

Problemkind der Metro ist nach wie vor real.- stationär. Während real.- im 1. Quartal 16/17 mit -4 % Umsatz zu Buche schlug, schaffte es real.- in diesem Quartal auf -0.5 %, was natürlich ebenso schlecht ist. Online auf Erfolgskurs mit rund 12 Mio. Artikel bei 19 Mio. Besuchern / Monat. Alleine im 1. Quartal 17/18 rund 1.1 Mio. Kunden auf dem Portal mit einem Bruttowarenwert von 103 Mio. Euro. Real muß weiter vorangetrieben werden im Geschäftsbereich Modernisierung, stärkere Servicebetonung, Erlebnis- und Multichannelvertrieb und einer herausragenden Sortimentsqualität.

Derzeit stimmt die Effizienz der Märkte vor Ort nicht, mit dem gefassten Zukunftstarifvertrag mit der Gewerkschaft und Einkaufskooperativen soll man diesen Zielen näher kommen. Für die rund 34000 Beschäftigten von real.- soll bis Ende März 2018 eine Lösung vorliegen. Letzte Verhandlungen vom 17. Januar zu einer neuen Entgeltstruktur sind ergebnislos zuende gegangen, so die Gewerkschaft. Ebenso seien Gelder, die für die im Zukunftstarifvertrag zugesagten Investitionen anstatt in neue Konzepte in Instandhaltungs-maßnahmen gesteckt worden. In diesem Zusammenhang kommt Herr Koch auch nicht zuletzt auf Nachfrage noch einmal auf die neugestalteten Märkte zur Sprache:

Bisher ist mit Krefeld ein real.- Food Lover Flagschiff modernster Art entstanden, welches mit ca. 30 % mehr Kunden seit der Neueröffnung operiert. Im Oktober 2018 soll dann Braunschweig folgen, für 2019 ist bei Genehmigung des Vorstandes Bielefeld geplant. Pro Standort sind Kosten von rund 20 Mio. Euro zu beklagen, es sollten eigentlich mal 15 Standorte umgebaut werden, die real.- GF rechnen mit derzeit 30 Standorten. Herr Koch erklärt weiter, das mit dem Jahr 2018 das Jahr der Eigenmarken ausgerufen werde und auch eine völlig neue Darstellung folge. Zum Wert von real.- bestätigt er, das real.- derzeit mit 60 Mio. Euro Firmenwert eingetragen sei, es seien mal über eine Milliarde Euro gewesen.

Die Flächenaufteilung soll bei real.- mit 70 % Food / 30 % Nonfood zu besseren Kennzahlen führen, deshalb werden die Nonfood – Bereiche reduziert. Dann etablierte sich eine ganz neue Idee: real,- ist eine zunehmende Belastung für die METRO, also muß es weg, denn: Hohe Wertberichtigungen sorgten im Geschäftsjahr 2018/19 (Ende September) für extrem schlechte Zahlen bei der Düsseldorfer METRO. Insgesamt musste der Konzern einen Verlust von 126 Millionen Euro ausweisen. Hauptgrund waren Abschreibungen in Höhe von mehr als 400 Millionen Euro bei der Supermarkttochter. Die METRO befindet sich derzeit noch im Umbau zu einem reinen Großhändler, dort liegt die Zukunft der METRO, so Konzernboss Koch am 12.12.19 in Düsseldorf.

Einige Tochterunternehmen wurden schon abgestossen. Neben real,- soll ja auch noch das China Geschäft verkauft werden. Als jetziger neuer Termin wurde Ende Januar 2020 genannt, wo mit dem neuen Verhandlungspartner X+Bricks endlich Ergebnisse vorliegen sollen. X+Bricks war schon zu Zeiten Redos als Mitfavorit gehandelt worden, wozu im übrigen auch Kaufland gehört. Hierbei soll es um das Gesamtpaket real,- im Volumen um die 500 Millionen Euro gehen, nicht wie beim vorherigen Verhandlungspartner Redos um die 50 Märkte, die weitergeführt werden sollten.

Die anderen sollten z.B. an Edeka und Tegut gehen, die Interesse bekundet hatten. Doch die Verhandlungen scheiterten, obwohl das Kartellamt schon die Übernahme von Redos genehmigt hatte. Nunmehr sind rund 15 Monate vergangen, nachdem der Metrochef real,- zum Verkauf freigegeben hatte. Real macht einen Jahresumsatz von mehr als sieben Milliarden Euro und betreibt 279 Märkte. Davon befinden sich rund 65 Immobilien im Besitz Reals. Schon im Juni 2019 sollte der Verkauf eigentlich final erledigt sein, doch einige Interessenten hatten den Termin ohne Rückmeldung verstreichen lassen. Angeblich soll die Lage von real,- derzeit so dramatisch sein, das gewisse Großlieferanten real,- schlechtere Einkaufskonditionen bieten wegen der Lage.

Das belastet die Marge von real,- zusätzlich. Und natürlich wollen auch die rund 34000 Beschäftigten von real,- endlich wissen, wie es weitergeht und haben mit Unterstützung von verdi ein Schreiben verfasst in dem sie Aufklärung und Informationen fordern, wie es weitergeht oder zumindest die genaue Planung ist. Im Raum stehen derzeit auch die Übernahme von rund 87 Märkten von Edeka, die angeblich schon kartellrechtlich geprüft werden. Interessant im Bezug auf die real,- Verkaufsverhandlungen, das der Real-Geschäftsführer Müller-Sarmiento kürzlich auf einer Pressekonferenz gesagt haben soll (Zitat Handelsblatt 16.11.2019):

„Dass weiterhin geplant sei, 60 der insgesamt 277 Märkte in Eigenregie weiterzuführen. Darunter seien die vier Vorzeigemärkte in Krefeld, Braunschweig, Aschaffenburg und Bahlingen, die bereits zu Markthallen umgerüstet wurden, und ein großer Teil der 35 Standorte, die bereits mit Modulen dieses Markthallenkonzept modernisiert wurden. Dazu komme das eigene Fleischwerk und das Digitalgeschäft mit dem Onlinemarktplatz real.de“ (Zitatende). Dies wurde so von der METRO jedoch nicht bestätigt.

In Sachen Webshop hat sich real,- inzwischen zu einer bedeutenden Onlineplattform entwickelt. Real.de wurde vom Unternehmen zu einem Marktplatz ausgebaut, auf dem auch andere Händler ihre Waren anbieten können. Die Umsätze sind im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 608 Millionen Euro gestiegen. Auch der neue Zusammenschluß mit drei weiteren Onlinemarktplätzen aus Frankreich, Italien und Rumänien hat zu einem gewissen Boostereffekt geführt. Dadurch hat real.de in kürzester Zeit 200 zusätzliche Händler gewonnen. Mit cdiscount Frankreich, eprice Italien und emag Rumänien wurde das International Marketplace Network (IMN) gegründet, das europaweit den Onlinepower der Plattformen bündeln und eine starke Kraft gegen Amazon und Ebay werden soll.

Ob sich da real,- die passenden Gegner in seiner jetzigen finanziellen Schieflage ausgesucht hat, sei mal dahingestellt. Trotz aller Verkaufsverhandlungen und schwierigen Zeiten hat sich real,- einen neuen Clou für seine Kunden ausgedacht: Mit der neuen Kundenkarte realPro sollen die Kunden zu echten Stammkunden bei real,- gemacht werden, denn es winken 20 % Rabatt, so ist in großen Lettern auf Flyern und Plakaten zu lesen. Doch ganz so rosig ist das Ganze dann doch nicht.

Was z. B. auf der Vorderseite des Flyers mit 20 % auf Lebensmittel, Getränke, Weine, Biere, Tiernahrung, Beauty- und Drogerie Artikel im Markt angepriesen wird, zeigen sich auf der Rückseite die ersten Haken der Aktion: Üppige 69 Euro kostet die Teilnahme an diesem Mitgliedsprogramm, und der Rabatt wird auch nicht auf Werbeartikel anrechenbar, auch keine Payback Sonderpunkte verrechenbar und anderes mehr. Da nützen auch die angeblichen Ersparnissrechenbeispiele von real,- in den Prospekten nichts, bei denen klar werden soll, wie schnell man die vorab bezahlten 69 Euro wieder durch den Rabatt gewonnen hat.

Denn die Vorrechner haben ganz vergessen: Die real,- Produktpreise bei Normalpreisen liegen teilweise deutlich über denen der Mitbewerber und somit tritt gar kein Spareffekt ein. Und diese Situation könnte sich durch den Margenverlust durch schlechtere Einkaufsbedingungen noch erweitern. Offenheit und Ehrlichkeit sollte gerade bei massiv angeschlagenen Unternehmen umso mehr gelten, um nicht noch an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

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